Maschinenbau aktuell

Erfahrung und Globalität als Schlüssel zur Krisenbewältigung

Die Corona-Krise stellt international aufgestellte deutsche Unternehmen vor Herausforderungen und Unwägbarkeiten, die in diesem Ausmaß seit Jahrzehnten nicht aufgetreten sind. Wir haben daher mit Sven Oelert einen Vertreter der deutschen Industrie um seine Einschätzung und Meinung gebeten.

Sven Oelert ist seit 2018 CEO und CFO der Vulkan Gruppe, ein global operierendes Maschinenbauunternehmen mit Sitz in Herne. Die Vulkan Gruppe beschäftigt rund 1.300 Mitarbeiter und betreibt Standorte in 18 Ländern. Wichtige Produktionsstandorte befinden sich in Deutschland, China, Indien, Brasilien und den USA. Die Gruppe ist Weltmarktführer im Bereich hochelastischer Schiffskupplungen und stellt in ihren drei Divisionen weiterhin Dämpfer, Wellen, Bremsen für Industrieantriebe und Rohrverbindungen her. Das Interview führten unsere Experten Christina Fischer und Christian Knake.

Herr Oelert, in welchem Ausmaß hat das Covid-19 Virus nach Ihrer Einschätzung die Vulkan Gruppe getroffen? Es waren ja bereits vor Corona Tendenzen zu einem Abschwung im Maschinenbau zu spüren.

Sven Oelert: Von einem Abschwung vor der Krise war in unserem Unternehmen nichts zu spüren, im Gegenteil, wir erlebten ein sehr gutes erstes Quartal – eigentlich das Beste in der Firmengeschichte. Natürlich wurden wir durch die Krise dann voll gebremst, wie sehr ist letztlich noch nicht einschätzbar. In den vergangenen Monaten hat uns aber enorm geholfen, dass wir international aufgestellt sind. Im Februar 2020, als in China der vollständige Shutdown erfolgte, konnten wir Kapazitäten nach Indien und Brasilien verlagern. Seit einigen Wochen läuft China wieder sukzessive an und in Indien und Brasilien begann der Lockdown, sodass wir dies wiederum mit China kompensieren können. Rein betriebswirtschaftlich dachten wir, dass fünf Produktionsstandorte bei unserer Größe etwas zu viel sind. Dies sehen wir heute deutlich differenzierter. Die Standorte in Deutschland liefen weiter, eben auch weil Material kam.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die Globalisierung sind das sehr interessante „Lessons Learned“ aus der Krise. Würden Sie denn generell sagen „Globalisierung hilft“?

Sven Oelert: Nein, pauschal würde ich das nicht sagen, ich würde den Begriff „Heterogenität“ verwenden. Richtig ist, dass wir durch unsere globale Aufstellung weiter handlungsfähig waren. In Brasilien haben wir uns aber beispielsweise lokal aufgestellt, das heißt mit einer lokalen Lieferkette. Hintergrund ist die Erfahrung aus der Historie, dass in Brasilien hohen Währungsschwankungen auftreten können. Eine lokale Lieferkette kann dies abfedern. Dies ist vor allem auch dem erfahrenen Geschäftsführer in Brasilien zu verdanken. Überhaupt würde ich sagen, dass es in der Krise enorm geholfen hat, dass wir sehr erfahrene Geschäftsführer und Mitarbeiter haben, die mit kühlem Kopf agieren konnten.

Also geht es vor allem um eine zielgerichtete Diversifikation im Supply Chain Management?

Sven Oelert: Ja, das kann man durchaus sagen. Was uns auch geholfen hat, war das nicht optimierte Working Capital. Eigentlich war es unser Ziel, das nicht perfekte Bestandsmanagement zu optimieren und damit das Working Capital zu minimieren, was aufgrund unserer Produktpalette durchaus schwierig war. In der Krise konnten wir jedoch von den höheren Beständen profitieren und bauen nun sogar Risikopuffer auf.

Gibt es sonst noch etwas das Ihnen in der Krise geholfen hat?

Sven Oelert: Ja, vor allem am Beispiel Brasilien zeigt sich, dass es sehr wertvoll ist, Kollegen mit so großer Erfahrung zu haben. Unsere Geschäftsführer und Mitarbeiter haben in der Krise aufgrund ihrer Erfahrung Risiken früh erkannt und besonnen reagiert.

Wie ist Ihre Sichtweise auf die Maßnahmen von Bund und Ländern?

Sven Oelert: Zunächst möchte ich durchaus ein Lob an die Politik voranstellen; ich denke es wurde gut agiert und wir kommen als Land vergleichsweise am besten durch die Krise. Wir sind zum Glück ein Land mit einer disziplinierten Gesellschaft. Dass ich die Aktionen der Politik so positiv sehe, gilt insbesondere auch im Vergleich zu dem was, ich von unseren Standorten wie zum Beispiel den USA und in Brasilien mitbekomme. Die Fragen, die mich generell am meisten beschäftigen sind: „Wer zahlt am Ende die Rechnung? Wer bezahlt die Rettungsschirme und Hilfsprogramme?“ Diese stellen sich erst recht, wenn es zu einer zweiten Welle kommen sollte.

Sind die Gewährung von Finanzierungshilfen und die vorgesehenen Programme aus Ihrer Sicht gelungen?

Sven Oelert: Ich finde, die Instrumente sind gelungen, Soforthilfen und Kurzarbeit sind für mich geeignete Instrumente. Ich wundere mich, dass andere Länder diese Instrumente nicht kopiert haben. Die Abstimmung zwischen den Bundesländern hätte vielleicht etwas besser sein können. Dennoch habe ich die Sorge, dass bei einem zweiten Lockdown einige nicht überleben werden. Weiterhin sehe ich es als Problem an, dass die günstigen Kredite der KfW auch ausgenutzt werden, etwa von Konzernen die sie nicht benötigen. Die schnelle und unbürokratische Bereitstellung gilt es vor allem für kleine Unternehmen zu gewährleisten, ich denke, bei der Nichtöffnung einiger dieser Betriebe hätte es auch nicht länger gereicht.

Wo sehen Sie die Herausforderungen der kommenden drei Monate auf dem Weg in die Normalität?

Sven Oelert: Das Beste wäre natürlich, wir finden  ganz schnell einen Impfstoff. Was unsere Planung angeht, sehen wir natürlich einen deutlichen Auftragsrückgang - gerade im After Sales Bereich ist es sehr ruhig. Wir begegnen den zu erwarteten Umsatzeinbrüchen mit kurzfristigen Maßnahmen wie Betriebsurlaub. Wir sehen eine langsame Verbesserung und hoffen, dass sich das fortsetzt.

China hat soeben verkündigt, dass die Exporte im April schon wieder um 3,5% oberhalb des Vergleichsmonats im Vorjahr lagen. Wenn man davon ausgeht, dass die Auswirkungen der Pandemie dort etwa 2 Monate vor Deutschland wirksam wurden, sind Sie optimistisch, dass die deutsche Konjunktur sich ebenso schnell wieder erholt? 

Sven Oelert: Über diese berichteten Zahlen aus China wundern wir uns durchaus, wir beobachten derzeit, dass das Volumen der Containerschifffahrt nur bei 60% im Vergleich zum Vorjahr liegt. Das merken wir anhand der geringeren Nachfrage zu Arbeitsschiffen wie zum Beispiel Schleppern, die wir in großem Umfang mit unseren Kupplungen ausstatten.

Welche nachhaltigen Veränderungen für den betrieblichen (und ggf. auch privaten) Alltag erwarten Sie auf der Basis der in den letzten Wochen gewonnenen Erfahrungen?

Sven Oelert: Ich bin da vorsichtig, ich denke schon, dass Home Office zunehmen wird aber sicher nicht in dem jetzigen Umfang. Es gab in diese Richtung schon früher Tendenzen und Unternehmen sind vermehrt vom Home Office wieder in Ihre Büros zurückgekehrt, da die Abläufe eben nicht mehr funktioniert haben. Ich bin sicher, wir werden mehr Home Office sehen, gleichzeitig bin ich aber auch überzeugt, dass das persönliche Gespräch oder Meeting nicht ersetzt werden kann. Die Entwicklung der Digitalisierung wird sicherlich stärker werden, aber auch hier erwachsen teils Risiken, etwa ganz einfach beim „Vieraugenprinzip“. Wir sahen uns während der Krise auch damit konfrontiert, dass Cyber-Attacken und Angriffe von außen stark zugenommen haben. Persönlich würde ich gerne geschäftlich wieder reisen, da ich als einer der Repräsentanten des Unternehmens meine Geschäftspartner und die Geschäftstätigkeit vor Ort viel besser verstehen und einschätzen kann, wenn ich sie persönlich treffe. Hier geht derzeit etwas verloren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Key Statements

  • Diversifikation und Heterogenität in der Gestaltung von Lieferketten
  • Erfahrung und Seniorität bei der Krisenbewältigung
  • Working Capital Optimierung nur mit Maß
  • Zunahme von „Fake President Fraud“-Attacken
  • Digitalisierung und Home Office werden den Wert persönlicher Treffen nicht dauerhaft ersetzen können

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