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Unsere Expertin Dr. Claudia Klümpen-Neusel im Interview

Die neue Erbschaftsteuer: Viel Lärm um Nichts?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel Dr. Claudia Klümpen-Neusel

Die Auswirkungen des angepassten Erbschaftsteuergesetzes, das Mitte vergangenen Jahres in Kraft getreten ist, beschäftigt vor allem Unternehmer, die die Übergabe ihres Lebenswerkes regeln möchten. Lesen Sie dazu ein Interview mit unserer Expertin Dr. Claudia Klümpen-Neusel.

Frau Dr. Klümpen-Neusel, zum 1. Juli vergangenen Jahres wurde das Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz angepasst. Wie kam es zu der neuen Fassung?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hatte im Dezember 2014 zum wiederholten Male das Erbschaftsteuergesetz für verfassungswidrig erklärt. Anschließend wurde viel darüber spekuliert, ob es künftig noch eine Erbschaftsteuer geben werde und wie diese inhaltlich ausgestaltet sei. Die Ideen reichten von ihrer Abschaffung bis hin zu einer lückenlosen Besteuerung aller Vermögensgegenstände mit einem einheitlichen Steuersatz. Schon frühzeitig zeichnete sich jedoch ab, dass das bisherige Besteuerungssystem weitestgehend beibehalten und lediglich die Punkte, die vom höchsten deutschen Gericht moniert worden waren, nachgebessert werden sollten.

Wen treffen die Anpassungen zum 1. Juli 2016 besonders?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Tatsächlich lässt sich aus heutiger Sicht festhalten, dass die Gesetzesänderungen nahezu ausschließlich Unternehmenserben treffen. Die Bewertung und Besteuerung von Privatvermögen zum Beispiel in Form von Wertpapieren oder Immobilien wurde demgegenüber beibehalten und gilt unverändert für alle Erwerbe nach dem 30. Juni6.2016 fort.

Welche Folgen hat das neue Gesetz für Unternehmenserben?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Während es bis Mitte 2016 möglich war, unter bestimmten Voraussetzungen ein Unternehmen vollständig erbschaftsteuerfrei auf die nachfolgende Generation zu übertragen, wird künftig häufig eine Steuer fällig werden.

Können Sie das näher erläutern?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Das unternehmerische Vermögen wird seit dem 1. Juni 2016 aufgeteilt in echtes produktives Vermögen einerseits und sogenanntes Verwaltungsvermögen, also nicht betriebsnotwendiges Vermögen, andererseits. Dazu zählen zum Beispiel an Dritte vermietete Immobilien, Kunstgegenstände oder Wertpapiere. Das schädliche Verwaltungsvermögen soll künftig nicht an den großzügigen Steuervergünstigungen partizipieren; es wird weder in einen Bewertungsabschlag mit einbezogen noch kommt hierauf ein sachlicher Freibetrag zur Anwendung.

Und das bedeutet in der Praxis?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Da auch das schädliche Verwaltungsvermögen im Unternehmen gebunden ist, wird ein Unternehmenserbe die Steuer hierauf nur mit Privatvermögen oder mithilfe von Entnahmen aus dem Unternehmen begleichen können. Dies erfordert künftig eine noch umfassendere Nachfolgeplanung auf Seiten der Betroffenen.

Gibt es Möglichkeiten, die Erben zu entlasten?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Das Gesetz sieht künftig die Möglichkeit vor, die Erbschaftsteuer für einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren zu stunden. Der Erbe kann somit die Steuerzahlung zumindest über einen längeren Zeitraum verteilen. Alternativ kann der Steuerpflichtige beim Erwerb von Großvermögen, bei denen der Wert des begünstigten Vermögens eine Schwelle von 26 Millionen Euro pro Erwerber überschreitet, eine sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung beantragen. Die Erbschaftsteuer ist dann nur insoweit zu bezahlen, als dem Erwerber private Mittel oder anderes nicht begünstigtes Vermögen zur Verfügung stehen. Dieses verfügbare Vermögen muss der Erwerber zu 50% zur Begleichung der Erbschaftsteuer einsetzen. Der darüber hinausgehende Steuerbetrag wird erlassen.

Das bedeutet, dass die Höhe der tatsächlich zu zahlenden Erbschaftsteuer von den privaten Vermögensverhältnissen des Erwerbers abhängt?

Dr. Claudia Klümpen-Neusel: Das trifft jedenfalls für die Verschonungsbedarfsprüfung zu. Auch hierauf wird bei künftigen Nachfolgegestaltungen zu achten sein: darf der Unternehmenserbe zugleich Privatvermögen erhalten oder sollte dieses aus steuerlichen Gesichtspunkten besser auf einen anderen Erben übertragen werden?