Bauen 4.0

„Digitalisierung erfordert Überdenken der Geschäftsmodelle“

Bauunternehmen sollten eine Digitalisierungsstrategie erarbeiten – Prof. Dr. Ralf-Peter Oepen im Interview.

Bauen 4.0 ist in aller Munde. Die Digitalisierung des Bauens erfordert das Überdenken und Neuausrichten der Geschäftsmodelle der Bauunternehmen. Diese Auffassung vertritt Prof. Dr. Ralf-Peter Oepen, geschäftsführender Institutsleiter der BWI-Bau GmbH - Institut der Bauwirtschaft. Als Kompetenzzentrum Betriebswirtschaft beschäftigt sich das BWI-Bau mit allen betriebswirtschaftlichen Themengebieten der Bauwirtschaft und demnach auch mit strategischen und organisatorischen Aufgabenstellungen.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht die Digitalisierung des Bauens?

Bauen 4.0 ist wesentlich mehr als die digitale Abbildung vorhandener bzw. etablierter Prozesse. Bauen 4.0 führt zu einem sich ändernden Ineinandergreifen und Miteinander der am Bauprozess beteiligten Partner. Daraus resultieren neue, mindestens aber geänderte Prozesse, Abläufe und Strukturen, die dann digital realisiert werden. Das Bauen im Jahr 2020/2025 wird anders sein als das Bauen heute. Bauunternehmen müssen die Weichen jetzt richtig stellen.

Könnten Sie dies an einem prägnanten Beispiel verdeutlichen?

Betrachten wir etwa das Thema Building Information Modeling (BIM): BIM ist nicht gleichzustellen mit Digitalisierung, aber ein sehr zentraler Aspekt der Digitalisierung. Das traditionelle Bauen geht von einem linearen Wertschöpfungsprozess aus. Der Aufraggeber benötigt ein Bauwerk und beauftragt zunächst Architekten und Fachplaner mit der Bauplanung und als nächsten Partner in der Wertschöpfungskette ein Bauunternehmen mit der Bauausführung. Hieraus resultiert die oft vorgebrachte Forderung, zunächst sorgfältig zu planen und dann erst zu bauen. Dies ist ohne Zweifel richtig. Fraglich ist jedoch, ob dies immer arbeitsteilig und linear erfolgen muss. Das glaube ich nicht! Will man die Potenziale von BIM ausschöpfen, dann müssen die am Bauprozess beteiligten Partner viel stärker integrativ zusammenarbeiten. Hieraus resultieren dann vernetzte Wertschöpfungsprozesse, die sich auf die Geschäftsmodelle der Bauunternehmen auswirken werden.

Die Digitalisierung des Bauens wirkt sich also auf die Geschäftsmodelle der Bauunternehmen aus?

Ja, ganz genau! Bauunternehmen sind es traditionell gewöhnt, darauf zu warten, zur Abgabe eines Angebotes aufgefordert zu werden. Wir bezeichnen dies immer als Pol-1-Markt des Bauens. Im Wettbewerb steht dabei die Bereitschaft, eine vom Auftraggeber vordefinierte Bauleistung zu realisieren. Hieraus resultiert die traditionell passive akquisitionsorientierte Marktbearbeitung. BIM kann und wird nach meiner festen Überzeugung dazu führen, dass, zumindest im privaten Baumarkt, die Definition der Bauleistung (Bau-Soll-Definition) stärker partnerschaftlicher zwischen Auftraggeber und Bauunternehmen erfolgen wird, verstärkt sogar vom anbietenden Bauunternehmen ausgehen wird. Wir sprechen hier vom Pol-2-Markt, in dem eine zunehmende „Produktisierung des Bauens“ stattfindet. Mit der partnerschaftlichen Bau-Soll-Definition verbunden ist auch eine stärkere Modularisierung des Bauens. Ein solcher Produktmarkt verlangt aber nach einer aktiven, also vertriebsorientierten Marktbearbeitung und damit auch nach einem anderen Geschäftsmodell.

Sind die Bauunternehmen auf diesen Wandel eingestellt?

Das hängt vom jeweiligen Unternehmen ab. Ich frage mich immer wieder, ob die handelnden Personen die grundsätzliche Fähigkeit und Bereitschaft mitbringen, diesen Wandel in allen Facetten zu leben. Wir haben in den Bauunternehmen kompetente Projektmanager, die die komplexen und ineinandergreifenden Prozesse des Bauens beherrschen. Gute Projektmanager sind aber nicht automatisch gute Verkäufer (im positiven Sinne) und gute Projektmanager sind nicht automatisch auch gut im "Vordenken“. Ihre Kompetenz liegt oftmals eher in der Fähigkeit, mit kritischen Situationen umzugehen. Je größer die Verwerfungen, je größer die Improvisationsnotwendigkeiten im Projekt sind, umso mehr können sie dann ihre Fähigkeiten nutzen. Wird jedoch BIM im Sinne von "Zunächst virtuell und dann real bauen“ führender Bestandteil des Prozesses, gewinnt das Vordenken noch mehr an Bedeutung gegenüber der Improvisation. Auch darauf müssen sich die Bauunternehmen einstellen. Der Wandel in den Geschäftsmodellen verlangt auch Änderungen in den Kernkompetenzen der Fach- und Führungskräfte.

Was empfehlen Sie einem Bauunternehmen?

Bauunternehmen sollten sich der Digitalisierung unvoreingenommen öffnen und eine „Digitalisierungsstrategie“ erarbeiten. Obwohl noch nicht klar ist, wohin genau die Reise geht, gilt es sich vorzubereiten, denn bildlich gesprochen nimmt der Digitalisierungszug immer mehr an Fahrt auf. Die Unternehmen sollten sich sehr genau informieren, Entwicklungen wenn möglich ausprobieren und schon im Kleinen nutzen; sie sollten selbst Fahrt in Richtung einer zunehmenden Digitalisierung aufnehmen. Denn wer einfach nur abwartet und dann später versucht, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, läuft Gefahr, den Anschluss zu verpassen.

Wie lautet Ihr Vorschlag im Hinblick auf die konkrete Vorbereitung im Unternehmen?

Es gilt zu erkennen, wie sich zukünftige Prozesse vor dem Hintergrund der Digitalisierung gestalten werden. Hierfür muss man aber zunächst die heutigen Prozesse durch eine Ist-Aufnahme beschreiben, um daraus dann ein Soll-Konzept der digitalen Abbildung ableiten zu können. Ich rate also den Unternehmen: Analysieren Sie Ihre Kern-Prozesse und hinterfragen Sie kritisch, ob diese im Zuge der Digitalisierung noch Bestand haben werden oder nicht.


Und noch ein zweiter Rat gilt: Beschäftigen Sie sich intensiv mit Ihrem Geschäftsmodell. Wie ist die Interaktion mit Ihrem Kunden, was sind seine Wünsche und seine Anforderungen heute und morgen? Wenn Sie erkennen, dass sich die Kundenwünsche und Kundenanforderungen verändern – und da bin ich der festen Überzeugung, dass sich diese im Zuge der Digitalisierung verändern werden – dann muss auch das eigene Geschäftsmodell weiterentwickelt werden.