Wilfried Mocken im Interview

Herausforderungen im Mittelstand

Peter Kaldenbach Peter Kaldenbach

Der Mittelstand steht vor großen Herausforderungen. Wie können diese gemeistert werden und welchen Themen kommt eine besondere Bedeutung zu? Darüber haben wir mit Herrn Wilfried Mocken gesprochen. Durch seine Tätigkeit als Vorstand der Semper Idem Underberg GmbH, als Gesellschafter und Beirat der Valensina GmbH, und aus seinem über viele Jahrzehnten gewachsenen Netzwerk von Kontakten zur gesamten Lebensmittelbranche kann Herr Mocken diese besonderen Herausforderungen der Mittelständler aus eigener Erfahrung beleuchten.  

Herr Mocken, Deutschland hat sich, getrieben durch den Mittelstand, zum technologischen Weltmarktführer entwickelt. Wie müsste Ihres Erachtens eine Wirtschaftspolitik aussehen, mit der die Innovationskraft des deutschen Mittelstandes gestärkt und unterstützt wird?

Wilfried MockenWilfried Mocken: Es gibt aus meiner Sicht zwei Bereiche, bei denen die Mittelständler gegenüber Großunternehmen stärker gefördert werden sollten. Da ist zum einen die finanzielle Unterstützung der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, da Mittelständler im Vergleich zu Großunternehmen so gut wie nie Empfänger von Subventionen sind. Gleichwohl gelingt es gerade den Mittelständlern immer wieder, den Ruf deutscher Unternehmen als Technologieführer zu stärken. Hier wäre eine auf den Mittelstand fokussierte Förderung wünschenswert. Eine weitere Herausforderung sehe ich zum anderen bei der Finanzierung. Die Erfahrung zeigt, dass Mittelständler im Regelfall eine höhere Absicherung bieten müssen als Großunternehmen, teilweise sogar durch Sicherheiten aus dem privaten Bereich. Auch hier wäre eine auf den Mittelstand zugeschnittene Förderung sinnvoll.

Das Thema Digitalisierung ist in aller Munde! Wo sehen Sie Chancen, aber auch Risiken speziell aus der Sicht des Mittelstands?

Wilfried Mocken: Klar ist: Der Mittelstand hat das Thema Digitalisierung lange unterschätzt, sodass hier eindeutig Nachholbedarf besteht. Voraussetzung für eine stärkere Vernetzung der Unternehmen mit den Kundenbedürfnissen ist allerdings auch eine deutliche Verbesserung der IT-Infrastruktur, damit auch in ländlichen Regionen eine Internetnutzung mit hohen Übertragungsraten möglich ist. Ein weiterer Punkt ist die personelle Ausstattung der Mittelständler im IT-Bereich. Hier ist es eine besondere Herausforderung, qualifiziertes Personal zu gewinnen und die vorhandenen Fachkräfte so zu qualifizieren, dass sie ihren zukünftigen Aufgaben gerecht werden. Dabei spielt neben der rasanten technischen Weiterentwicklung die zunehmende Internationalisierung selbst kleinerer Mittelständler eine große Rolle. Generell sehe ich den Mittelstand im Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte nicht in einem Nachteil gegenüber größeren Konzern, da es der Mittelstand versteht, sehr individuelle Vergütungskomponenten anzubieten.

Mit Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Lebensmittelhandel, wie wird aus Ihrer Sicht der Onlinehandel, der auch in 2016 um mehr als 10 % gewachsen ist, den Lebensmitteleinzelhandel beeinflussen? Sehen Sie Geschäftsmodelle, die grundlegende Strukturenverändern werden?

Wilfried Mocken: Es gibt schon heute verschiedene Online-Angebote der traditionellen Einzelhandelsketten, deren Palette  von reinen Packstation bestellter Ware bis hin zu einem individualisierten Lieferservice reicht. Diese Geschäftsmodelle haben sich jedoch bisher noch nicht durchgesetzt, so dass hier derzeit noch kein wesentlicher Umsatzanteil erreicht werden konnte. Mit Amazon Fresh ist im Frühjahr allerdings ein Marktteilnehmer auf dem deutschen Markt aufgetreten, der durch seine Erfahrungen in den USA und England und seiner hohen Kapitalkraft geeignet erscheint, den Marktanteil des Lebensmittel-Onlinehandels drastisch zu steigern. Insbesondere durch die Bereitschaft, mehrjährige Anlaufverluste zu Gunsten der Marktanteile in Kauf zu nehmen, sind deutliche Veränderungen zu erwarten.

Spätestens die Finanzmarktkrise 2009 hat gezeigt, dass die klassische Finanzierung über Hausbanken für den Mittelstand nicht die einzige Finanzierungsquelle sein sollte. Welche mittelstandstauglichen Alternativen sehen Sie?  

Wilfried Mocken: Die wichtigste Finanzierungsquelle das Mittelstandes scheint unverändert der klassische Bankenkredit zu sein, allerdings führt aus meiner Sicht die zunehmende Regulierung des Bankensektors dazu, dass Banken immer weniger bereit und in der Lage sind, unternehmerische Risiken auch nur im beschränktem Maße einzugehen. Vor diesem Hintergrund haben sich Alternativen zu einer klassischen Bank-Finanzierung entwickelt. Hierzu gehören sicherlich die Mittelstandsanleihen, mit denen wir bei Underberg und Valensina bereits umfangreiche  Erfahrungen gemacht haben. Bei vergleichsweise hohem Emissionsaufwand und einem höheren Zinsniveau wird den Unternehmen durch eine mittelfristige Laufzeit und einer überschaubaren Folgeberichterstattung die notwendige Zeit gelassen, sich weiter zu entwickeln. Leider haben die Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz der Mittelstandsanleihe durch verschiedene Zahlungsausfälle gelitten.

Ein weiteres, vom Mittelstand aufgrund der Flexibilität und der größeren Gestaltungsfreiheit der Konditionen genutztes Finanzinstrument, ist das Schuldscheindarlehen. Interessant ist hierbei, dass die, bei der öffentlichen Anleihe notwendige breite Informationspflicht hier nicht besteht, sondern nur gegenüber dem jeweiligen Vertragspartner erfolgt. Gegenüber der Anleihe hat das Schuldscheindarlehen häufig eine geringere Verzinsung und eine größere Variabilität in den Laufzeiten.

Positiv werte ich auch die Möglichkeit der Beteiligung eines Hegefonds, die sich in ihrer Zielsetzung heute teilweise deutlich von der ursprünglichen Absicht einer kurzfristigen Gewinnmaximierung unterscheiden. Diese begleiten dann unternehmerisch die mittelständischen Unternehmen mit fest vereinbarten Finanzierungslaufzeiten sowie der anschließenden Perspektive eines Börsengangs oder einer vollständigen Veräußerung des gesamten Unternehmens.

Vielen Dank für das Gespräch !

Das Interview führte WP/StB Peter Kaldenbach, Industriegruppenleitung Handel & Konsumgüter