Investitionen

Abenteuer Mittel- und Osteuropa

Günter Spielmann Günter Spielmann

Fast 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gibt es gute Gründe, warum die Länder östlich und südöstlich von uns weiterhin interessant bleiben. Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die deutsche Wirtschaft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa engagiert und nimmt bis heute Spitzenplätze beim Export- und Import-Ranking in zahlreichen Ländern ein. 2017 sind die Exporte und Importe in bzw. aus dieser Region weiter kräftig gestiegen. Auch die Investitionen erfolgen weiterhin auf hohem Niveau. Nachfolgend geben wir einen Überblick über aktuelle Trends in dieser wirtschaftlich äußerst attraktiven Region.

Wichtige Trends

Bekanntlich hat die Automobilindustrie erhebliche Kapazitäten in der Region geschaffen, aber auch die Herstellung von Life-Science-Produkten, Elektronik und anderen Konsumgütern wurde stark ausgebaut – trotz wesentlicher Steigerungen der Arbeitskosten. Die Kosten pro Arbeitsstunde lagen laut Eurostat in 2016 für die gesamte Region zwar statistisch im Durchschnitt immer noch zwischen der Hälfte und etwa einem Drittel des Werts für Deutschland, sind allerdings je nach Region und dem dortigen Beschäftigungsniveau erheblich höher, was aber durch die gestiegene Produktivität teilweise wieder aufgefangen werden konnte.

Zentral- und Osteuropa ist dabei längst nicht mehr nur eine verlängerte Werkbank: Zunehmend werden Forschungs- und Entwicklungsabteilungen auf- und ausgebaut. Auch in die Bereiche Telekommunikation und IT wurde erheblich investiert. So gibt es in Polen mittlerweile etwa 25.000 IT-Unternehmen, in Rumänien rund 5.500. Ebenso hat die Auslagerung von internen Unternehmensdienstleistungen zugenommen, vor allem nach Polen, nach Rumänien und in die Slowakei.

Im jährlich von der Anwaltskanzlei CMS und von EMIS herausgegebenen „Emerging Europe M&A Report“ werden 2017/18 für die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas (ohne die Türkei) über 1.900 wesentliche Transaktionen im Wert von fast 64 Milliarden Euro aufgelistet. 362 davon entfallen auf Real Estate-Projekte, 274 auf Industrieunternehmen sowie 289 auf Telekommunikation und IT. Polen liegt mit 331 Transaktionen an der Spitze, gefolgt von Rumänien mit 118 sowie Tschechien und Ungarn mit je 102. Bei den Herkunfts­ländern lagen China bei der Anzahl und die USA beim Wert der Transaktionen mit deutlichem Abstand vorn, Deutschland lag immerhin auf Platz drei bei der Zahl der Transaktionen bzw. auf Platz 7 beim Wert der Transaktionen (im Vorjahr in beiden Fällen Platz 3).

Auch die nicht zuletzt mit EU-Mitteln verbesserte Infrastruktur stützt die wirtschaftliche Entwicklung und schafft zusätzliche Möglichkeiten für deutsche Unternehmen. Generell ergeben sich mehr Chancen auch für kleinere deutsche Unternehmen, die von größeren Investitionen in verschiedenen Sektoren ebenso profitieren können wie von der Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen, die sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt hat.

Dies belegen auch die Statistiken des VDMA („Maschinenbau in Zahl und Bild 2018“). Mittel- und Osteuropa liegen dabei im Trend des Wachstums der deutschen Maschinenexporte von insgesamt 5,9%, wobei sich der russische Markt mit einem Plus von über 20% deutlich erholt hat. Polen, Russland und Tschechien liegen mit 6,1, 5,3 und 5,1 Milliarden Euro auf den Rängen 8 bis 10 der Exportziele (zum Vergleich: die USA und China liegen auf den Plätzen 1 und 2 mit 18,0 bzw. 17,4 Milliarden Euro). Auch weitere Investitionen in Standorte in Mittel-, Ost- und Südosteuropa erfolgen kontinuierlich: Ähnlich wie im Vorjahr beabsichtigen 18% der deutschen Industrieunternehmen laut der jüngsten DIHK-Umfrage zu geplanten Auslandsinvestitionen, wegen der Erschließung der lokalen Märkte und wegen Kostenvorteilen dort zu investieren. Die Region bleibt damit trotz (wirtschafts-) politischer Unsicherheiten und Investitionsabsichten in anderen Regionen der Welt von strategischer Bedeutung für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau.

 

Fördermöglichkeiten

Nach wie vor werden Investitionen in Forschung und Entwicklung, die Schaffung von Arbeitsplätzen und Ausbildungsmöglichkeiten sowie der Umweltschutz gefördert. Die Beihilfen (auf die kein Rechtsanspruch besteht!) hängen von Art und Umfang des Projekts ab. Sie können, je nach Region, bis zu 50 Prozent der Kosten betragen. Verfahrensablauf und Zeitrahmen sind dabei unterschiedlich und erfordern lokale Expertise.

Gerade bei kleineren Vorhaben sind Kontakte „vor Ort“ besonders wichtig. Da mit dem Vor­haben in der Regel erst nach Stellung eines Antrags auf Förderung begonnen werden darf, ist gute Planung essentiell. Dies schließt auch den Vergleich von Fördermöglichkeiten als Kriterium für die Standortwahl ein.

 

Investitionshemmnisse

Während vor einigen Jahren Bürokratie und Steuersysteme häufig als große Belastung empfunden wurden, haben sich die Verhältnisse inzwischen verbessert. Auch die Höhe der Ertragsteuersätze liegt im internationalen Vergleichsrahmen. Gleichwohl ist die sorgfältige Beachtung der lokalen Anforderungen an Buchhaltung und Steuerdeklaration dringend zu empfehlen. Der jüngste Index von Transparency International zeigt, dass Korruption immer noch weit verbreitet ist. Klare Verhaltensregeln sind hier unbedingt anzuraten. Zu einer der größten Herausforderungen hat sich die Verfügbarkeit von Fachkräften entwickelt. Dies gilt nicht nur wegen der gestiegenen Lohnkosten, vielmehr erfordert das Fehlen einer dualen Berufsausbildung entsprechende Initiativen des einzelnen Unternehmens.

 

Praxishinweis

Die zunehmende Angleichung der Verhältnisse zwischen den einzelnen Ländern macht die Entscheidung für einen bestimmten Investitionsstandort schwierig. Dies gilt umso mehr, als in den verschiedenen Staaten auch einzelne Regionen eine gesonderte Beurteilung erforderlich machen. Die bestimmenden Faktoren sind daher noch sorgfältiger zu bewerten. Nur dadurch kann sichergestellt werden, dass Aktivitäten in Zentral- und Osteuropa kein Abenteuer werden.